Was ist Gestalttherapie?

(Wenn du es wirklich wissen willst, musst du es erleben.)

Veränderungen finden von alleine statt. Wenn wir tiefer in das eindringen, was wir sind, wenn wir akzeptieren, was da ist, kommen die Veränderungen von allein. Das ist das Paradoxon der Veränderung.

(Fritz Perls)

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Veränderung durch Erfahrung

Gestaltarbeit begleitet Menschen in Veränderungsprozessen – nicht durch Analyse, sondern durch unmittelbare Erfahrung. Im Kontakt mit einem Gegenüber wird die eigene Thematik spürbar, sichtbar, erlebbar. Klärung entsteht aus den vorhandenen Ressourcen, nicht durch äußere Vorgaben.

Gestalt ist zugleich eine Haltung zum Leben.

Sie betrachtet den Menschen nicht als Objekt, das repariert werden muss, sondern als ein Wesen, das sich in Beziehung entwickelt.
Therapeut und Klient begegnen sich auf Augenhöhe – als zwei Menschen, die gemeinsam erforschen, was jetzt da ist.

Gestalt würdigt die Einzigartigkeit jeder Person

Sie versucht nicht, Komplexität zu reduzieren, sondern öffnet einen Raum, in dem das Unkontrollierbare, Überraschende und Lebendige seinen Platz hat.
Gestaltpsychologie und Gestalttherapie bieten eine Sichtweise an, die die Erfahrungen des Augenblicks ernst nimmt – ohne sie in starre Kategorien zu pressen.

Transformative Gestalttherapie geht einen Schritt weiter.

Sie verbindet die klassische Gestaltpraxis mit Bewusstseinsarbeit und richtet sich nicht nur auf die Veränderung von Mustern oder Gewohnheiten. 

Transformative Gestalttherapie greift tiefer als Optimierung, Anpassung oder die Formung einer „besseren“ Persönlichkeit. Sie führt zu einer inneren Neuorientierung, die den Menschen bei seinem Wesentlichen abholt. Wenn das, was er wirklich ist, sichtbar wird, entsteht ein Wandel, der nicht nur Verhalten berührt, sondern das ganze Sein.

Transformative Gestalttherapie führt nicht zu einer verbesserten Persönlichkeit, sondern zu einem neuen Menschsein.

 

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Eine kleine Geschichte der Gestalttherapie

Die Gestalttherapie entsteht in einer Zeit des Umbruchs und verbindet philosophische, psychologische und spirituelle Impulse zu einem neuen Blick auf den Menschen. Ihre Wurzeln liegen in der Suche nach Lebendigkeit, Präsenz und echter Begegnung.

Die Gestalttherapie entsteht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Zusammenfließen verschiedener Lebensbewegungen und geisteswissenschaftlicher Strömungen. Der Arzt und Psychoanalytiker Fritz Perls (1893–1970) gilt – gemeinsam mit seiner Frau Laura Perls und Paul Goodman – als Begründer dieser neuen therapeutischen Richtung.

Perls verdanken wir einen Ansatz, der weit über eine Methode hinausgeht. Sein Forschen, sein persönliches Engagement und sein Mut, neue Wege in der psychotherapeutischen Begleitung zu gehen, führen zu einer Arbeit, die das Menschsein in den Mittelpunkt stellt. Unzufrieden mit dem psychoanalytischen Modell und enttäuscht vom strengen Blick in die Vergangenheit, öffnet er das therapeutische Setting für den unmittelbaren Kontakt. Für Perls liegt die Chance für Erkenntnis und Heilung nicht in der Analyse des Gestern, sondern im gegenwärtigen Moment – im Hier und Jetzt.

Perls und seine Kollegen sind vom Organismusgedanken inspiriert, der das heraklitische panta rhei („alles fließt“) wissenschaftlich neu fasst. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile. Während das mechanistische Weltbild den Menschen wie eine Maschine betrachtet, die man reparieren kann, beschreibt der Organismusgedanke die lebendige Verwobenheit aller Phänomene. Der Mensch erscheint als „Organismus in seiner Umwelt“, dessen Grundtendenz es ist, sich als Ganzheit zu organisieren (Holismus) und ein flexibles Gleichgewicht (Homöostase) aufrechtzuerhalten.

Die Quellen, aus denen die frühen Gestaltpioniere schöpfen, sind vielfältig:
die klassische Psychoanalyse (Freud, Harnick, Deutsch u. a.)
Wilhelm Reichs Charakteranalyse
existentialistische Philosophie (Buber, Scheler, Tillich)
Gestaltpsychologie (Wertheimer, Köhler)
Zen-Buddhismus
Taoismus
Perls’ jüdische Herkunft und seine Erfahrungen in den Weltkriegen

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Gestalt & Bewusstheit

Gestaltarbeit richtet die Aufmerksamkeit auf das, was jetzt geschieht. In der Bewusstheit des Augenblicks entsteht der Impuls für Veränderung – und das Erleben öffnet sich zu neuen Möglichkeiten der Selbstorganisation.

Bewusstheit schafft neue Räume
Die ursprüngliche Bezeichnung der therapeutischen Arbeit, die Fritz Perls und seine Kollegen entwickelten, lautete „Konzentrationstherapie“ – bevor sich der Begriff „Gestalttherapie“ durchsetzte. Perls’ Begleitung bestand vor allem darin, Menschen einzuladen, ihre Aufmerksamkeit ganz auf das zu richten, was im jeweiligen Moment geschieht. In der Erweiterung der Bewusstheit für das gegenwärtige Erleben erkannte er den entscheidenden Impuls, der den Prozess der Selbstorganisation – und damit der Selbstheilung – des Organismus in Gang setzt.

Statt über Erlebnisse zu sprechen, rückt er das unmittelbare Erleben ins Zentrum. Wenn ein Patient etwa über seine Beziehung zu seinem Vater reden möchte, fordert Perls ihn auf, direkt zu ihm zu sprechen – das auszusprechen, was bisher ungesagt blieb. Und wenn jemand von Angst berichtet, lädt er ihn ein, in die Rolle der Angst zu schlüpfen und als Angst zu sprechen.

Der Begriff „Gestalttherapie“, den Perls später bevorzugt und der sich schließlich durchsetzt, ist der Gestaltpsychologie entlehnt.

Gestalt – eine sinnvolle Ganzheit
Die Gestaltpsychologie zeigte, dass Wahrnehmung kein passives Abbild der Welt ist, sondern ein kreativer Vorgang, an dem das Bewusstsein aktiv beteiligt ist. Die Verarbeitung von Informationen erfolgt in komplexen Prozessen, bei denen aus der Fülle der Eindrücke ein stimmiges Bild konstruiert wird. Für jedes individuelle Bewusstsein entsteht eine „sinnvolle Ganzheit“ – eine Gestalt.

Wie wir die Welt sehen und was wir als wirklich betrachten, wird durch kollektive Paradigmen und persönliche Erfahrungen geprägt. Verändert sich ein grundlegender Glaubenssatz, wandelt sich unsere Sicht der Wirklichkeit. Wie radikal dieser Wandel sein kann, zeigt die historische Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe, sondern rund ist: Mit einem Schlag erscheint alles in einem neuen Licht, und die gesamte Weltanschauung ordnet sich neu.

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Figur & Grund

Wahrnehmung ist ein lebendiger Wechsel von Figur und Grund. Was in den Vordergrund tritt, wird von Bedürfnissen, Erfahrungen und unbewussten Mustern bestimmt. Gestaltarbeit macht diese Dynamik sichtbar – und eröffnet Raum für Klarheit und Wandlung.

Gestalten vor meiner Tür – Das Spiel mit Figur und Grund
Ein zentrales Prinzip, das unsere Wahrnehmung und die Konstruktion unserer persönlichen Wirklichkeit prägt, beschreibt die Gestaltpsychologie als „Figur-Grund-Wechsel“. „Figur“ ist das, was in den Vordergrund unserer Aufmerksamkeit tritt; alles andere bildet den Hintergrund, bis sich unser Fokus einem neuen Impuls zuwendet und dieses nun aus dem Grund hervortritt. Was jeweils ins Zentrum rückt, hängt von vielen Faktoren ab – besonders von dem Bedürfnis, das uns in diesem Moment bewegt.

Mit hungrigem Magen gehe ich anders über einen Gemüsemarkt, als wenn ich dort eine Verabredung mit meiner Liebsten habe. Das gegenwärtige Bedürfnis – die Figur – bestimmt den Fokus der Wahrnehmung und ordnet die Informationen zu einem Gesamtbild, das der Befriedigung dieses Bedürfnisses dient. Alles andere tritt in den Hintergrund.

Perls und seine Kollegen entdeckten in diesem Zusammenhang das Phänomen der „unabgeschlossenen Situation“ oder „offenen Gestalt“ (unfinished business). Damit beschrieben sie die Dynamik, die entsteht, wenn emotionalen oder psychischen Bedürfnissen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Das Übergehen von Gefühlen, bedeutsamen Erlebnissen oder dramatischen Situationen führt dazu, dass sie als unabgeschlossene Gestalten im Unbewussten abgelegt werden – und sich weiter auf das gegenwärtige Erleben auswirken. Auch wenn vergangen, drängen diese alten Geschichten nach Vollendung: nicht geweinte Tränen, verschluckte Wut, unausgesprochene Liebe stehen gleichsam vor unserer Tür und suchen jede Gelegenheit, sich bemerkbar zu machen.

Mit anderen Worten: Vergangene Situationen wirken so lange in unser Leben hinein, bis sie gefühlt und abgeschlossen werden. Die nicht gelebte Trauer über einen Verlust oder die Wut über eine Verletzung nagt weiter, bis wir ihr Raum geben und sie zu Ende bringen.

Gestaltpsychologie
Die Gestaltpsychologie entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine für viele Menschen heute selbstverständliche Einsicht war damals ein radikaler Perspektivwechsel: Wahrnehmung ist keine 1:1-Abbildung der Realität – wie eine Kamera einen Moment einfängt – sondern ein aktiver Prozess, in dem der Wahrnehmende ebenso beteiligt ist wie das Wahrgenommene und die Bedingungen, unter denen Wahrnehmung stattfindet.

Anders formuliert: Die „Brille“, durch die ein Mensch die Welt betrachtet, bestimmt, welche Wirklichkeit vor seinem inneren Auge erscheint. Sinneseindrücke werden zu einem Abbild der Welt konstruiert – einer Landkarte, nicht der Landschaft, wie Gregory Bateson es ausdrückt.

Diese neue Sicht auf Wahrnehmung und Wirklichkeit war Teil eines wissenschaftlichen Paradigmenwechsels. Beobachten liefert weniger objektive Fakten als subjektive Perspektiven, die sich je nach Standort und Voreinstellungen des Beobachters verändern. Die Beobachtung beeinflusst das Ergebnis ebenso wie die bewussten und unbewussten Erwartungen des Beobachtenden.

Der Begriff „Gestalt“, der sowohl der Psychologie wie später der Therapie ihren Namen gab, bezeichnet ein sinnvolles Ganzes: eine Einheit, die im Wahrnehmungsprozess aus dem Hintergrund in den Vordergrund tritt.

Die Gestaltgesetze, die von den Gestaltpsychologen formuliert wurden, werden heute in Werbung und Medien genutzt, um Wahrnehmung gezielt zu steuern. Perls und seine Kollegen erkannten, dass dieselben Gesetzmäßigkeiten auch in emotionalen und psychischen Prozessen wirksam sind. Gestalttherapie macht diese unbewussten Mechanismen bewusster – und ermöglicht damit, Automatismen zu verstehen, innere Zusammenhänge zu integrieren und auf dieser Grundlage mehr persönliche Freiheit zu entwickeln.

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Hier & Jetzt

Das Leben geschieht im gegenwärtigen Moment. Hier zeigen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich – und hier entsteht der Raum, in dem sich alte Muster wandeln und neue Wege sichtbar werden.

Leben findet immer jetzt statt
Die „Brille“, durch die wir die Welt betrachten, ist von unseren offenen Gestalten geprägt. Sie sorgt dafür, dass wir die Realität so wahrnehmen, wie sie zu unserem Lebensdrehbuch passt. Auf diese Weise bestätigen wir uns fortwährend selbst, dass die Welt tatsächlich so ist, wie wir sie sehen. Wir richten uns in einem inneren System ein, in dem alles schlüssig erscheint – auch unsere Unzufriedenheiten, Sehnsüchte und alten Verletzungen. Doch was geschieht, wenn wir entdecken, dass die Welt anders sein könnte, als sie uns erscheint?

Wenn wir unseren unabgeschlossenen Situationen auf die Spur kommen, öffnet sich das Potenzial zu einem neuen Leben. Gestalttherapie zeigt, dass wir dafür nicht in die Vergangenheit reisen müssen. Wir können im Hier und Jetzt bleiben, denn der gegenwärtige Moment enthält alles – ob es vier Wochen oder zwanzig Jahre zurückliegt.

Die Entwicklung von Bewusstheit (awareness) und das lebendige Erleben der Gegenwärtigkeit – des unmittelbar Sichtbaren und Spürbaren – sind der erste wesentliche Schritt zu größerer Flexibilität und innerer Stabilität. Der Mittelpunkt der Gestaltarbeit ist die Gegenwart. Präsenz richtet das Bewusstsein auf seinen ursprünglichen Kern aus und ermöglicht, dass die Ganzheit, die in uns angelegt ist, wieder spürbar wird.

Veränderung bedeutet in diesem Sinn, bewusst wahrzunehmen, was das Leben in all seinen Facetten ausmacht. Wünsche und Bedürfnisse werden klar, neue Wege zur Verwirklichung des eigenen Potenzials entstehen, überholte Lebenskonzepte dürfen sich wandeln. Und wir übernehmen Verantwortung für die offenen Situationen unserer Geschichte.

Präsenz
Präsenz ist längst kein unbekannter Begriff mehr. Lehrer wie Eckhart Tolle oder Jon Kabat-Zinn haben Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit in den Alltag vieler Menschen gebracht. Präsenz – oder Gegenwärtigkeit – ist jedoch kein Sonderzustand, sondern der ursprüngliche Seinsmodus des Menschen; etwas, das wir nicht erst lernen, sondern wiederentdecken.

Doch oft überlagert der Sog der Vergangenheit und die Erwartung der Zukunft das Erleben des gegenwärtigen Moments. Viele bewegen sich zwischen Erinnern und Bedauern auf der einen Seite und Hoffen und Befürchten auf der anderen. So geht der natürliche Zugang zum Jetzt verloren.

Gestaltarbeit richtet die Aufmerksamkeit beständig auf das Hier und Jetzt. Im gegenwärtigen Moment findet alles statt: Erinnern, Planen, Hoffen, Trauern, Wut, Freude, Liebe. Jetzt zeigt sich das Leben so, wie es ist. Gestaltarbeit lenkt das Licht der Aufmerksamkeit darauf – und schafft Raum, in dem sich zeigen darf, was auftaucht.

In der Einfachheit der Wahrnehmung, ohne verändern zu müssen, liegt die Magie der Veränderung. Das Paradox besagt: Wandel geschieht, wenn wir für einen Moment den Willen zur Veränderung ruhen lassen und bereit sind, das anzuerkennen, was ist.

Dieser Prozess ist nicht ohne Schmerz. Wenn das auftauchen darf, was lange vermieden wurde, tritt es ins Bewusstsein und kann integriert werden. Vergangene Erfahrungen, gegenwärtige Bedürfnisse und zukünftige Wünsche dürfen gleichzeitig da sein: Schmerz wie aufbrechende Lebensfreude. Und dann hat das Leben freie Bahn, das Drehbuch neu zu schreiben.

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